Die Hintergründe der AVISO-Technik

Der bekannte und von mir sehr geschätzte Dirigier-Pädagoge Richard Schumacher hat einmal gesagt: 

"Das  Orchester ist das einzige Instrument, welches lügt".

Was meinte er damit?

Es gibt wahrscheinlich im Musik-Business kaum eine andere Beschäftigung, in welcher in vergleichbarem Mass (fehlendes) Wissen, Fähigkeiten und Technik durch Show ersetzt werden kann. Da das Dirigieren nicht direkt einen Klang erzeugt, sondern vielmehr andere dazu zu bringen versucht, einen Klang zu erzeugen, ist es ständig in Gefahr, ungenau, undifferenziert und unehrlich zu sein. Dies, obwohl eventuell  früher einmal  eine intensive Dirigierausbildung absolviert wurde. Die Tatsache also, dass sich Gestik nicht unmittelbar in Klang umsetzt (oder genauer gesagt: die Tatsache, dass sich bei vielen Dirigenten aus der Gestik kein Klang herauslesen lässt -) bewirkt, dass sich in der Dirigierkunst mit "Standards" leidlich gut leben lässt.  Bestimmte Gesten bewirken diese oder  jene Reaktion beim Ensemble. Hauptsache ist dabei, dass sie eine Reaktion bewirken; welche Reaktion dies sein wird, ist zu einem grossen Teil dem Zufall überlassen..

Wenn sie  sich diese "Berufspraxis" auf einen Geiger oder einen Sänger übertragen vorstellen, so sehen sie sehr bald, wie verheerend dieser Gedanke ist. Nicht umsonst wird in diesem Zusammenhang häufig vom Taktstockakrobaten gesprochen.-

Das Gefährliche am Dirigieren ist also unter anderem, dass wir ohne andauernde Kontrolle unseres Tuns die Fäden sehr schnell aus der Hand verlieren und uns schon gar nicht mehr bewusst sind, dass sich da und dort Mängel eingeschlichen haben.

 

Die Hintergründe der AVISO-Technik

 

Auch in der heutigen Zeit, in der Selbstbestimmung gross geschrieben wird, haben viele Musiker Mühe damit, Kritik an einen Dirigenten/eine Dirigentin heranzutragen. Dies heisst nicht, dass nicht Kritik geübt wird! Nur kommt sie leider meist nicht beim Dirigenten an. -  An diesem Umstand wird sich innert nützlicher Frist nichts ändern. - 
Was uns bleibt, ist die permanente Selbstkontrolle

Mein Grundsatz im Dirigier-Unterricht ist deshalb folgender:

Es gibt ein ganz einfaches Mittel, diese obengenannte Selbstkontrolle nie zu verlieren: Ich bemühe mich stets von neuem, mit jeder meiner Dirigierbewegungen eine bestimmte Aussage zu machen. Wenn ich dann auch noch das Orchester soweit bringe, dass es imstande ist, diese sehr differenzierten Bewegungen zu verstehen und zu unterscheiden, dann habe ich endgültig gewonnen. Erst wenn ich dieses Ziel erreicht habe, trifft das eingangs erwähnte Zitat von Richard Schumacher nicht mehr zu.